Hör auf dich selbst zu tyrannisieren
- Nassim
- 12. Aug.
- 2 Min. Lesezeit
Ich habe lange damit verbracht, mich selbst fertigzumachen, wenn ich nicht abliefern konnte. Egal ob Krankheit, PMS, depressive Verstimmung oder einfach fehlende Energie – ich konnte schwer akzeptieren, dass ich manchmal die Person bin, die etwas nicht schafft. In meinem Kopf gab es oft nur zwei Zustände: entweder ich funktioniere und ziehe alles durch, oder ich bin ein Versager. Dieser Zwang, alles umzusetzen, was ich mir vornehme, hat mich eher noch mehr gestresst als vorangebracht.

Wie würdest du mit dir umgehen, wenn du dein eigener Freund wärst?
Wenn ich ehrlich bin: So würde ich mit keinem Menschen umgehen, der mir wichtig ist. Wenn ich mein eigener Freund wäre, würde ich versuchen zu verstehen, was gerade los ist, statt mich zu bestrafen. Trotzdem behandeln wir uns selbst oft genau so: wie ein strenger Vorgesetzter, der immer mehr fordert, egal wie es einem geht. Wir versuchen uns zu zwingen, kämpfen gegen uns selbst an, als bräuchten wir eine innere Peitsche, um überhaupt etwas hinzubekommen. Und dann kommt noch die Wut dazu, wenn es nicht klappt.
Disziplin vs. Realität
Gleichzeitig sehen wir überall Menschen, die scheinbar immer durchziehen. Auf Social Media wird oft vermittelt: „It’s you vs you“, überwinde dich, kämpf gegen deinen inneren Schweinehund, sei diszipliniert, egal was ist. Und ja, da ist etwas dran. Auch ich kenne das Gefühl, dass es gut ist, sich zu überwinden und Dinge trotzdem zu tun. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Nicht jeder Mensch hat jeden Tag die gleiche Kapazität. Wir sind körperlichen und psychischen Zuständen ausgesetzt, die wir nicht komplett kontrollieren können.
Stärke ist nicht immer Widerstand
Die Frage ist also nicht nur, ob man sich überwinden kann, sondern auch, wann es sinnvoll ist. Macht es mich wirklich stärker, wenn ich krank ins Gym gehe oder mich erschöpft zur Arbeit zwinge? Oder ist es auch eine Form von Stärke, zu merken, wann mein Körper eine Pause braucht – und darauf zu hören? Vielleicht geht es weniger darum, sich selbst permanent zu pushen, sondern darum, mit sich selbst zu kooperieren.
Mit sich selbst verhandeln statt kämpfen
Den eigenen Körper ernst zu nehmen, statt ihn zu bekämpfen, verändert viel. Und ja, manchmal sind wir auch einfach faul. Aber selbst dann kann man anders damit umgehen. Nicht mit Druck, sondern wie in einer Art inneren Verhandlung: Was brauche ich gerade wirklich, damit ich ins Handeln komme? Was würde mir helfen, diesen nächsten Schritt zu machen? Wenn man anfängt, sich selbst eher wie jemanden zu behandeln, für den man Verantwortung trägt, entsteht ein anderer Umgang mit sich selbst.
Ein Verbündeter statt ein Gegner
Vielleicht ist das der entscheidende Punkt: Es geht nicht nur darum, Dinge zu schaffen, sondern darum, wie man mit sich selbst dabei umgeht. Wenn man sich selbst dauerhaft wie einen Gegner behandelt, wird alles schwerer. Wenn man anfängt, sich selbst als Verbündeten zu sehen, wird vieles einfacher.



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