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Hör auf wegzulaufen - Vermeidung verhindert Wachstum


Je mehr ich mich mit Psychologie beschäftige, desto mehr fällt mir auf, wie entscheidend es ist, die eigenen emotionalen Reaktionen überhaupt wahrzunehmen. Viele Menschen denken, psychische Gesundheit bedeute, möglichst wenige negative Gefühle zu haben. Ich glaube eher das Gegenteil. Psychische Gesundheit bedeutet, die eigenen Gefühle wahrnehmen zu können, sie auszuhalten und sinnvoll mit ihnen umzugehen. Wer ständig vor unangenehmen Emotionen flüchtet, nimmt sich die Möglichkeit, etwas über sich selbst zu lernen.


Mir fällt das oft bei Menschen auf, die sehr vermeidend sind. Sie spüren Stress, Scham, Unsicherheit oder Angst und suchen sofort nach einer Möglichkeit, dieses Gefühl loszuwerden. Das Problem dabei ist nicht nur, dass die Emotion verschwindet. Das eigentliche Problem ist, dass der Mensch nie lernt, was die Emotion ihm eigentlich mitteilen wollte und wie er konstruktiv mit ihr umgehen könnte.


Vermeidung fühlt sich gut an, macht aber nichts besser


Das Tückische an Vermeidung ist, dass sie kurzfristig funktioniert. Wer sich ablenkt, den Raum verlässt, zur Zigarette greift, durch Social Media scrollt oder sich anderweitig betäubt, fühlt sich oft tatsächlich kurzfristig besser. Die unangenehme Emotion verschwindet für einen Moment.

Dadurch entsteht jedoch ein weiteres Problem: Man muss nie lernen, wie man mit der Situation auf eine reife und funktionale Weise umgehen könnte. Man entwickelt keine neuen Fähigkeiten, weil man die Situation gar nicht lange genug erlebt, um aus ihr zu lernen. Die Vermeidung löst das Problem nicht. Sie verhindert lediglich, dass Entwicklung stattfindet.


Wer nie mit seiner Unsicherheit konfrontiert wird, lernt nicht, selbstbewusster zu werden. Wer nie Kritik aushält, lernt nicht, entspannter mit Fehlern umzugehen. Wer nie Angst spürt, lernt nicht, mutig zu sein.



Wachstum beginnt dort, wo wir das schlechte Gefühl zulassen


Viele Menschen wünschen sich Entwicklung, Selbstvertrauen oder emotionale Reife. Gleichzeitig versuchen sie jedoch alles, um unangenehme Gefühle nicht erleben zu müssen. Genau darin liegt ein Widerspruch. Entwicklung entsteht nicht dadurch, dass wir negative Emotionen vermeiden, sondern dadurch, dass wir sie wahrnehmen, verstehen und lernen, angemessen auf sie zu reagieren.


Unsere emotionalen Reaktionen sind kein Fehler im System. Sie sind Informationen. Vielleicht sogar die wichtigsten Informationen, die wir als bewusste Wesen überhaupt besitzen. Der Organismus reagiert ständig auf die Welt und zeigt uns, was uns belastet, was uns Angst macht, wo Konflikte liegen und wo etwas nicht im Gleichgewicht ist.


Wer diesen Signalen aufmerksam zuhört, bekommt die Möglichkeit zu wachsen. Wer ihnen ständig ausweicht, bleibt häufig an denselben Stellen stehen.


Reife bedeutet, die Realität zu akzeptieren


Ein weiteres Beispiel dafür sehe ich oft in dem Versuch, bestimmte Realitäten nicht wahrhaben zu wollen. Manche Menschen klammern sich verzweifelt an ein Bild von sich selbst, das längst nicht mehr zur Realität passt. Sie wollen nicht akzeptieren, dass sie älter werden, körperlich erschöpft sind oder sich ihre Lebensumstände verändert haben. Statt die Realität anzunehmen und sich an sie anzupassen, versuchen sie das Gegenteil zu beweisen.


Das Problem ist, dass die Realität sich dadurch nicht verändert. Wer krank ist, wird nicht gesund, indem er so tut, als wäre er es nicht. Wer älter wird, wird nicht jünger, indem er verzweifelt gegen diese Tatsache kämpft. Reife bedeutet nicht, alles gut zu finden. Reife bedeutet, die Realität wahrzunehmen, sie zu akzeptieren und darauf sinnvoll zu reagieren.


Die Leiter nach oben


Das Leben ist eine einzige Gelegenheit zur Entwicklung. Jeden Tag reagieren wir auf Herausforderungen, Konflikte, Enttäuschungen, Ängste und Unsicherheiten. Jede dieser Situationen enthält die Möglichkeit, etwas zu lernen und eine reifere Version seiner selbst zu werden. Das gelingt jedoch nur, wenn wir bereit sind, unsere emotionalen Reaktionen wahrzunehmen, statt vor ihnen wegzulaufen. Wer ständig nach dem schnellsten Weg sucht, unangenehme Gefühle loszuwerden, findet zwar kurzfristige Erleichterung, verzichtet aber auf die Informationen, die in diesen Gefühlen enthalten sind.


Wachstum beginnt dort, wo wir aufhören zu fliehen und wo wir die Realität anschauen, die Emotion zulassen und uns fragen: Was versucht mir dieses Gefühl eigentlich beizubringen?

 
 
 

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