Wenn andere wüssten, wer ich wirklich bin..
Viele Menschen haben Angst davor, ihre echten Gedanken und Gefühle zu zeigen. Als wäre das, was wirklich in ihnen vorgeht, irgendwie falsch. Oft denkt man: „Wenn die wüssten, was ich wirklich denke, wäre das nicht gut für mich.“ Also versteckt man sich oder passt sich an. Man sagt Dinge, die besser ankommen, lacht über Sachen, die man eigentlich nicht lustig findet, oder verhält sich so, wie man glaubt, dass man sein sollte. Warum eigentlich?
Ich glaube, Menschen tragen unglaublich viel Scham in sich. Fast schon von Natur aus. Wir sind selbstbewusst im wörtlichen Sinn – wir beobachten uns ständig selbst und sind uns unserer Eigenschaften bewusst. Wir sehen unsere Fehler, Unsicherheiten und Widersprüche viel deutlicher als andere Menschen sie jemals sehen könnten, weil nur wir selbst vollständigen Zugang zu unserer Innenwelt haben. Gleichzeitig sehen wir bei anderen meistens nur die Oberfläche oder die gefilterte Version. Das macht es leicht zu glauben, dass alle anderen irgendwie richtiger, stabiler oder „normaler“ sind als man selbst.
Vielleicht wäre Ehrlichkeit gar nicht unser Untergang
Aber was würde eigentlich passieren, wenn wir uns wirklich zeigen würden? Vielleicht hätten wir doch etwas Wichtiges zu sagen. Vielleicht könnten andere Menschen sich gerade dadurch besser mit uns verbinden. Und wann haben wir eigentlich das letzte Mal jemanden für seine Authentizität so hart verurteilt, wie wir unsere eigene verurteilen?
Ich bewundere Menschen, die sagen und tun, was sie wirklich denken – auch wenn es aneckt oder nicht dem entspricht, was „die meisten“ zu denken scheinen. Dabei geht es mir gar nicht unbedingt um den Inhalt selbst, sondern um etwas anderes: dass jemand ehrlich ist. Dass jemand die Wahrheit in sich selbst ernst nimmt und danach handelt.
Das bedeutet natürlich nicht, jede Emotion ungefiltert auszuleben oder jede Grenze zu ignorieren. Aber ich glaube, viele Menschen entfernen sich so weit von sich selbst, dass sie irgendwann gar nicht mehr wissen, was eigentlich wirklich von ihnen kommt und was nur Anpassung ist.

Wie würde die Welt aussehen, wenn wir echter wären?
Es gäbe wahrscheinlich weniger aufgesetzte Beziehungen und weniger Energieverschwendung in Rollen, die eigentlich gar nicht passen. Menschen würden Berufe wählen, die mehr mit ihrem tatsächlichen Wesen zu tun haben, statt nur mit Status oder Sicherheit. Beziehungen würden ehrlicher werden, weil weniger versucht würde, sich gegenseitig in bestimmte Rollen zu pressen.
Vielleicht würden sich Menschen dann auch schneller finden, die wirklich zueinander passen. Nicht nur oberflächlich, sondern tiefer. Weil man sich nicht zuerst durch tausend Schichten von Anpassung kämpfen müsste.
Ich glaube, viele Menschen merken irgendwann körperlich, wenn sie zu weit von sich selbst entfernt leben. Man fühlt sich leer, gereizt oder erschöpft, obwohl objektiv vielleicht „alles okay“ aussieht. Der Organismus sendet ständig Informationen darüber, was sich stimmig anfühlt und was nicht. Aber viele haben verlernt, darauf zu hören, weil sie fast nur noch danach leben, was man machen sollte.
Oft haben wir Angst vor unserer eigenen Wahrheit
Ich glaube, viele Menschen haben nicht nur Angst davor, von anderen gesehen zu werden, sondern auch davor, sich selbst wirklich ehrlich zu sehen. Denn manchmal bedeutet Ehrlichkeit, zuzugeben, dass etwas nicht mehr passt. Dass man die Beziehung vielleicht gar nicht mehr will. Dass der Job einen innerlich schon lange leer macht. Dass man sich verändert hat und bestimmte Dinge einfach nicht mehr funktionieren.
Und genau das wollen viele nicht wahrhaben, weil dann etwas Neues anfangen müsste. Man müsste Entscheidungen treffen, Ziele neu definieren oder wieder durch eine Phase von Unsicherheit und Transformation gehen. Das Bekannte festzuhalten ist oft leichter, selbst wenn es einen unglücklich macht. Deshalb bleiben Menschen manchmal jahrelang in Situationen, die eigentlich längst nicht mehr zu ihnen passen.
Ehrlich mit sich selbst zu sein kann deshalb erstmal Chaos auslösen. Aber langfristig ist es oft weniger schmerzhaft als ein Leben zu führen, das sich innerlich falsch anfühlt.
Dem eigenen Organismus wieder vertrauen
Vielleicht geht es deshalb darum, wieder mehr auf diese inneren Signale zu achten. Was gibt wirklich Kraft? Was fühlt sich lebendig an? Wo entsteht Widerstand? Wo entsteht echte Freude oder Ruhe? Nicht alles davon ist sofort rational erklärbar. Aber der Körper reagiert oft lange bevor der Kopf verstanden hat, was eigentlich los ist.
Das bedeutet nicht, impulsiv allem nachzugeben oder jede Verantwortung abzulehnen. Es geht eher darum, sich selbst ernster zu nehmen. Nicht den Bürojob anzufangen, wenn man merkt, dass man eigentlich freiheitsliebend und sozial ist. Nicht zu lachen, wenn man etwas gar nicht lustig findet. Dem Partner nicht ständig vermitteln zu wollen, dass er anders werden müsste. Ehrlicher mit sich selbst zu werden, verändert oft automatisch auch Beziehungen zu anderen Menschen.
Sich selbst erschaffen
Ich versuche selbst jeden Tag mehr, ehrlicher mit mir zu sein und mehr nach dieser inneren Wahrheit zu handeln. Nicht perfekt. Aber bewusster. Dazu gehört auch, andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind, statt ständig zu wollen, dass sie besser passen oder leichter für einen werden.
Für mich war die Gründung meiner Online-Praxis ein Teil davon. Ich wollte mein Leben selbst gestalten, statt einfach nur den vorgegebenen Weg weiterzugehen. Ich wollte etwas erschaffen, das mehr zu mir passt. Nicht weil es perfekt ist, sondern weil es ehrlicher ist.
Und vielleicht liegt genau darin etwas sehr Befreiendes: nicht ständig zu versuchen, jemand anderes zu sein, sondern langsam immer mehr die Person zu werden, die man eigentlich schon die ganze Zeit war.



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